Das Perma-Modell von Martin Seligman

Fernstudiengänge haben oft eine höhere Abbruchquote als Präsenzstudiengänge (vgl. Hachey et al., 2023), besonders in den ersten Semestern - und die Gründe dafür sind vielfältig. Isolation, fehlende Tagesstruktur oder ein mangelndes Stressmanagement können das Durchhalten erschweren. Auch das höhere Anforderungsniveau zu Beginn kann abschreckend wirken, vor allem wenn Übungsklausuren plötzlich mit Fachbegriffen und schwer verständlichen Fragen gespickt sind.
Doch diese Anfangsphase ist normal - und sie wird mit der Zeit leichter. Mit Durchhaltevermögen, einer Portion Gelassenheit und einem bewussten Fokus auf dein Wohlbefinden wirst du nicht nur die Herausforderungen meistern, sondern daran wachsen.

Das PERMA-Modell - Die Säulen des Wohlbefindens

Genau hier kommt das PERMA-Modell von Martin Seligman (2011) ins Spiel. Dieses Modell aus der Positiven Psychologie betont, wie essenziell Wohlbefinden für unseren Erfolg ist. Es umfasst fünf zentrale Elemente, die gemeinsam das psychische Wohlbefinden stärken und dadurch persönlichen sowie beruflichen Erfolg fördern:
        Positive Emotionen
        Engagement (Flow)
        Relationships (Beziehungen)
        Meaning (Bedeutung)
        Accomplishments (Errungenschaften)

Positive Emotions - Positive Emotionen 
Positive Emotionen wie Freude, Dankbarkeit und Optimismus sind essenziell für Motivation und Resilienz. Sie entstehen, wenn wir unsere Erfolge bewusst feiern und regelmäßig Dankbarkeit üben.

Auch eine Lernumgebung, die positive Emotionen fördert, kann Wunder wirken. Umgib dich mit Dingen, die dich inspirieren und motivieren: Pflanzen, Bilder oder andere Elemente, die dir ein gutes Gefühl geben und dich ermutigen, dranzubleiben.


Engagement - Flow
Das Flow-Gefühl, also das vollständige Eintauchen in eine Tätigkeit (vgl. Csíkszentmihályi, 1990), kann eine entscheidende Rolle für deinen Lernerfolg spielen. Besonders im Fernstudium lässt sich dieser Zustand erreichen, wenn du dir klare und realistische Ziele setzt und Aufgaben wählst, die weder über- noch unterfordern. Indem du dich auf Themen konzentrierst, die dich interessieren, und deine natürliche Neugier weckst, begünstigst du diesen Flow-Zustand, in dem Lernen plötzlich leicht und fast spielerisch wird - so wie früher, als das Entdecken noch von Begeisterung geprägt war.

Beispiel: „Nina, berufstätige Mutter und Fernstudentin, strukturierte ihr Studium in kleine, überschaubare Etappen. Jeden Abend nahm sie sich 30 Minuten Zeit für ein bestimmtes Thema. Diese Routine half ihr, kontinuierlich Fortschritte zu machen und die Kontrolle über ihren Lernprozess zu behalten. Eines Abends vertiefte sie sich so sehr in ein faszinierendes Thema, dass sie völlig das Zeitgefühl verlor - ihr ganz persönlicher Flow-Moment.“


Relationships - Beziehungen
Auch Beziehungen spielen im PERMA-Modell eine wichtige Rolle. Im Fernstudium ist es allerdings schwieriger, diese aufzubauen als an Präsenzunis. Deshalb ist es umso wichtiger, die vorhandenen Möglichkeiten zu nutzen und selbst aktiv zu werden. Der Austausch mit anderen, zum Beispiel in virtuellen Lerngruppen oder Foren, kann ein Gefühl von Gemeinschaft schaffen und gegen Einsamkeit helfen. Oft reicht es schon, regelmäßig Fragen zu stellen oder Erfahrungen zu teilen, um sich sozial verbunden zu fühlen. Auch der Kontakt zu Familie und Freunden kann eine große Unterstützung sein - sei es durch ein aufmunterndes Gespräch oder das gemeinsame Feiern von Erfolgen. 
Beispiel: „Tom entdeckte während seines Fernstudiums eine Lerngruppe auf einer Online-Plattform, in der Leute ihre Fortschritte und Herausforderungen teilten. Sie trafen sich wöchentlich per Zoom, um Lerntipps auszutauschen und sich gegenseitig zu motivieren. Besonders hilfreich für Tom war das Feedback dort, das ihn nicht nur fachlich voranbrachte, sondern auch motivierte, dranzubleiben.“
Doch im Fernstudium bist du nicht ausschließlich auf Online-Kontakte angewiesen - mehr dazu erfährst du später im Abschnitt „5.2 Vernetzung“


Meaning - Bedeutung
Ein Fernstudium gewinnt besonders dann an Bedeutung, wenn es mit einem höheren Zweck verbunden wird - genau das beschreibt der Punkt „Meaning“. Dieser Aspekt wurde bereits im RICE-Modell unter „Ideologie“ angesprochen: Wer das Gefühl hat, mit dem Studium etwas in der Welt bewegen zu können, wird oft motivierter und zielstrebiger sein. Sich bewusst zu machen, warum man das Studium begonnen hat - sei es für bessere berufliche Perspektiven oder um persönliche Werte zu verwirklichen - verleiht den Anstrengungen eine tiefere Bedeutung. Besonders wirkungsvoll wird es, wenn du dich fragst, wie das Gelernte später anderen oder der Gesellschaft zugutekommen könnte.

Beispiel:  „Maria entschied sich für ein Fernstudium in Rechtswissenschaften, weil sie sich schon immer gegen Unrecht eingesetzt hat. Sie stellte sich vor, wie sie mit ihrem Abschluss später wichtige Entscheidungen beeinflussen könnte. Dieser Gedanke gab ihrem Studium eine tiefere Bedeutung und half ihr, auch in anstrengenden Phasen dranzubleiben.“


Accomplishment - Errungenschaften
Am Ende ist es wichtig, sich auf die eigenen Erfolge und Fortschritte zu konzentrieren. Das stärkt das Gefühl, etwas zu können und selbst etwas bewirken zu können - man nennt das auch Selbstwirksamkeit (vgl. Bandura, 1997). Damit ist gemeint, dass du daran glaubst, mit deinem eigenen Handeln etwas zu verändern und deine Ziele zu erreichen. Menschen, die eine hohe Selbstwirksamkeit haben, vertrauen darauf, Herausforderungen zu meistern, und lassen sich auch von Rückschlägen nicht so leicht entmutigen. 
Beispiel: Stell dir vor, du hast dir vorgenommen, jede Woche ein Kapitel deines Lernskripts durchzuarbeiten – und nach vier Wochen bist du tatsächlich am Ende angekommen. Auch wenn es „nur“ ein Teilziel ist, zeigt es dir ganz konkret: Ich ziehe das durch. Ich kann das. Solche Erfahrungen bauen dein Vertrauen in dich selbst auf – Schritt für Schritt.
Fazit: Das PERMA-Modell zeigt eindrucksvoll, dass Wohlbefinden und Erfolg Hand in Hand gehen. Positive Emotionen, ein tiefer Sinn, gute Beziehungen und das Erreichen von Zielen sind dabei entscheidend. Wer diese Bereiche aktiv fördert, stärkt nicht nur seine Motivation, sondern auch sein persönliches Wachstum.
Doch wie lässt sich das im Fernstudium mit den sozialen Beziehungen vereinbaren, wenn man von zu Hause lernt? Der nächste Abschnitt beschäftigt sich genau damit